Über Judenfeindschaft und Verschwörungsdenken

Wer verdirbt unsere Frauen?

Mythen über "die Juden" und den Feminismus

Wer steckt hinter dem Feminismus? Na klar - “die Juden”! In dieser Episode beleuchten wir die enge ideologische Verflechtung von Antifeminismus und Antisemitismus. Wir zeigen auf, wie beide Weltbilder Ausdruck der Ablehnung von Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Fortschritt sind. Klären, wie sie sich heute im Rechtsextremismus wiederfinden. Gehen den historischen Wurzeln solcher Verschwörungsmythen nach und nehmen die Gruppierung der Incels in den Blick.

 

Unser Gast

Johanna Niendorf…

…ist Sozialpsychologin. Sie forscht am Else-Frenkel-Brunswik-Institut (EFBI) unter anderem zu Geschlechterverhältnissen, Antifeminismus, "Anti-Genderismus" und männlicher Gewalt. Johanna Niendorf veröffentlichte unter anderem in der Leipziger Autoritarismus-Studie.

 

Wie immer mit

Prof. Dr. Gideon Botsch…

… ist Politik- und Sozialwissenschaftler. An der Universität Potsdam doziert er in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Er publiziert und forscht seit Jahren zu den Themen Antisemitismus und Rechtsextremismus und ist Leiter der “Emil Julius Gumbel Forschungsstelle”. Von ihm erschienen ist unter anderem „Umvolkung und Volkstod - Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia" (2019).

 

Dr. Pia Lamberty…

… ist Psychologin. Sie forscht seit Jahren zu der Frage, warum Menschen an Verschwörungserzählungen glauben und ist Mitbegründerin von CEMAS, dem “Center für Monitoring, Analyse und Strategie”. Gemeinsam mit Katharina Nocun veröffentlichte sie 2020 den Bestseller „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“. Im Jahr 2023 erschien außerdem noch “Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik” (2022).

Weiterführende Informationen

Hier geht es zur Berliner Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen →  LINK

 

Hier geht es zum Beratungskompass Verschwörungsdenken → LINK

 

 

 

Quelle 1 – Mira Brate, Anna Suromai: Alles Einzelfälle? Misogyne und sexistisch motivierte Gewalt von rechts. Amadeu Antonio Stiftung (Hg.). Berlin 2022. → LINK

 

Quelle 2 – Hedwig Dohm: Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung. Berlin 1902.

 

 

Quelle 3 – Bundeszentrale für politische Bildung: Sandra Ho: Was ist Antifeminismus? → LINK

 

 

Quelle 4 – Caro Scholz, Achim Bröhenhorst: Angst um die Vormachtstellung. Eine Broschüre des Landes-Demokratiezentrums Niedersachsen zum Thema Antifeminismus & Queerfeindlichkeit. Hannover, 2024. → LINK 

 

 

Quelle 5 – Fiona Elisabeth Kalkstein, Gert Pickel, Johanna Niendorf: Antifeminismus und Antisemitismus - eine autoritär motivierte Verbindung? In: Oliver Decker, Johannes Kiess, Ayline Heller, Elmar Brähler (Hg.): Vereint im Ressentiment. Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Gießen 2024. S.161-180.

 

 

Quelle 6 – Veronika Kracher, Judith Rahner, Enrico Glaser: Frauenhassende Online-Subkulturen. Ideologien – Strategien – Handlungsempfehlungen. Amadeu Antonio Stiftung (Hg.). Berlin 2021. → LINK

 

 

Quelle 7 – Susanne Herzog: Die Neue Frau. In: LeMO. → LINK 

 

 

Quelle 8 – Ute Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen 1998.

 

 

Quelle 9 – Martin Klement: Streit um den Bubikopf – Streit um die Rolle der Frau Antisemitismus und Antifeminismus in den deutschnationalen und völkischen Turnverbänden Mitteleuropas. In: Liselotte Homering, Sybille Oßwald-Bargende, Mascha Riepl-Schmidt, Ute Scherb: Antisemitismus und Antifeminismus. Ausgrenzungsstrategien im 19. und 20. Jahrhundert. Roßdorf 2019. S.187-209.

 

 

Quelle 10 – A.G. Gender Killer (Hg.): Geschlechterbilder im Nationalsozialismus. Eine Annäherung an den alltäglichen Antisemitismus. In: Dies.: Antisemitismus und Geschlecht. Von „maskulinisierten Jüdinnen“, „effeminierten Juden“ und anderen Geschlechterbildern. Münster 2005. S. 9-67.

 

 

Quelle 11 – Das NETTZ, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, HateAid und  Neue deutsche Medienmacher*innen als Teil des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz  (Hg.): Lauter Hass – leiser Rückzug. Wie Hass im Netz den demokratischen Diskurs  bedroht. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Berlin 2024. → LINK

 

 

Quelle 12 – Klaus Hödl: Jüdischer Körper. In: Wolfganz Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Theorien, Ideologien. Berlin 2010. S.166-168.

 

 

Quelle 13 – Zu Konzeption “der Jüdin”

  • Florian Krobb: Die schöne Jüdin: Jüdische Frauengestalten in der deutschsprachigen Erzählliteratur vom 17. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Berlin 1993. 

  • Anna-Dorothea Ludewig: „Schönste Heidin, süßeste Jüdin!“ Die „Schöne Jüdin“ in der europäischen Literatur zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert – ein Querschnitt. In: Medaon, Heft 3 | 2008. 

 

 

Quelle 14 – Jeanette Jakubowski: Vierzehntes Bild: „Die Jüdin“. Darstellungen in deutschen antisemitischen Schriften von 1700 bis zum Nationalsozialismus. In: Julius H. Schoeps, Joachim Schlör (Hg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, München 1995. S.196-209.

 

 

Quelle 15 – Rebekka Blum: Das Verhältnis von Antifeminismus und Verschwörungsdenken. Antimoderne Krisenbearbeitung in der Coronapandemie. In: Florian Hessel, Pradeep Chakkarath, Mischa Luy (Hg.): Verschwörungsdenken. Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Gießen 2022. S.193-214.

 

 

Quelle 16 – Gesine Agena, Judith Rahner: Antifeminismus, gewaltbereiter Rechtsextremismus und Geschlecht. 2021. → LINK

 

 

Quelle 17 – Gideon Botsch, Christoph Kopke: Der «Volkstod». Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia. In: Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg 2018. S.63–90.

 

 

Quelle 18 – Neslihan Kirdas: Der „Große Austausch“ und Antifeminismus bei den Neuen Rechten. In: Lernen aus der Geschichte. → LINK

 

 

Quelle 19 – Oliver Decker, Johannes Kiess, Ayline Heller, Elmar Brähler (Hg.): Vereint im Ressentiment. Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Gießen 2024.

 

 

Quelle 20 – Bundeszentrale für politische Bildung: Podcast „Taking the Red Pill – Einstiegsdroge Antifeminismus“. Folge 5: Von digitalen Angriffen bis zu Terrorismus – Antifeminismus und sein Gewaltpotenzial. → LINK

 

 

Quelle 21 – Veronika Kracher: Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults. Mainz 2020.

 

 

Quelle 22 – Judith Rahner: Frauenhass und Rechtsextremismus. Die Wechselwirkungen von Antifeminismus und rechter Gewalt. In: Belltower News, 28.11.2022. → LINK

 

 

Quelle 23 – Zu den “Incels”

  • Hugo Engholm: The lack of looks. A study on the Incel ideology of Incelism during the 2010s–2020s and ist relation to historical and contemporary ideologies particularly within far-right milieus. Uppsala 2021. → LINK

  • Justin Bonest Phillips, Kiriloi M. Ingram & Kristy Campion: Gendered Extremism in the Pacific on 4chan: A Mixed-methods Exploration of Australian and New Zealanders’ Concepts of Women, Gender, and Sexual Violence on /Pol/. In: Terrorism and Political Violence, 37(8), 2025. S.1125–1146. → LINK

 

 

Quelle 24 – Karin Stögner: Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden 2014. 

 

 

Quelle 25 – Kristoff Kerl: “‘Oppression by Orgasm’: Pornography and Antisemitism in Far-Right Discourses in the United States Since the 1970s.” In: Studies in American Jewish Literature, 39(1), 2020. S.117-138. → LINK

 

 

Quelle 26 – Jonas Fedders: „Die Rockefellers und Rothschilds haben den Feminismus erfunden.“ Einige Anmerkungen zum Verhältnis von Antifeminismus und Antisemitismus. In: Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg 2018. S.213-232.

 

 

Quelle 27 – Ute Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen 1998.

 

 

Quelle 28 – Luke Devine: Second-Wave Jewish Feminism, 1971-1991: Foundational Theology and Sacral Discourse. Piscataway 2011. 

Bildnachweise

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Script zur Episode

„Verdächtig Mächtig“ - Ein Podcast über Judenfeindschaft und Verschwörungsdenken. Was kennzeichnet Verschwörungsmythen? Warum spielen Fantasien über Jüdinnen und Juden dabei oft eine zentrale Rolle? Und wie kann man dem entgegenwirken? Gemeinsam mit unseren Gästen suchen wir nach Antworten. Ein Projekt von Bildung in Widerspruch e.V.. Gefördert im Rahmen des Berliner Landesprogramms Demokratie, Vielfalt, Respekt, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus, der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung.

Moderation: Erica Zingher

Unter Mitarbeit von: Viktoria Peter

 

 

An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versucht 2019 ein bewaffneter Rechtsextremer in die Synagoge in Halle an der Saale einzudringen. Als ihm das nicht gelingt, greift er Menschen in einem Imbiss und auf der Straße an. Er tötet zwei Personen – Jana Lange und Kevin Schwarze – und verletzt weitere. Der Attentäter filmt seine Taten und streamt sie live. Ganze 36 Minuten kann jeder im Netz sein Vorgehen und seine Kommentare verfolgen. Zu Beginn stellt er sich als “Anon” vor. Dann leugnet er den Holocaust, äußert rassistische Positionen, spricht von einer angeblichen „Umvolkung“. Und er behauptet: Der Feminismus sei schuld an niedrigen Geburtenraten im Westen. Die Ursache all dieser Probleme? „Die Juden“. 

In der heutigen Episode von verdächtig mächtig geht es um die Verbindung von Antisemitismus, Verschwörungsglauben und Antifeminismus – eine ideologische Verkettung, die wir auch beim Attentäter von Halle beobachten konnten. Ein Einzelfall ist das nicht: Diese Ideologien finden wir weltweit im Kontext rechtsextremer Anschläge und Morde.  Wie ist das zu erklären? Warum treten diese Weltbilder so häufig gemeinsam auf? Diesen Fragen gehen wir heute nach und sprechen dafür mit der Soziologin und Sozialpsychologin Johanna Niendorf. Doch zuerst klären wir: Was ist das eigentlich, Antifeminismus?  

 

Johanna Niendorf  

Der Begriff selber ist schon relativ alt, er wurde geprägt von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm 1902. Damals, als die Frauenbewegung in Deutschland erstarkte und aufgekommen ist, hat sie damit beschrieben, die Gegenbewegungen dazu. Und Antifeminismus ist eine Form von Weltanschauung, eine Haltung, die eine natürliche Geschlechterordnung verteidigen will. Und darin ist auch immer eingeschrieben, dass Männer über Frauen stehen und über anderen Geschlechtern. Und Antifeminismus geht da aber noch ein Stück darüber hinaus. In dem Moment, in dem es auch darum geht, Feindbilder zu erschaffen. Hier ganz zentral: Antifeminismus, Feindbild ist Feminismus, Feministinnen. Frauen, die sich diesen traditionellen Geschlechterrollen nicht fügen, quasi. Die sich emanzipieren wollen, die etwas anderes wollen. 

 

Antifeminismus bezeichnet also die Ablehnung von Gleichstellung zwischen den Geschlechtern – besonders die Ablehnung der Rechte und der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen. Doch er endet dort nicht: Häufig richtet er sich auch gegen andere Gleichstellungs- und Minderheitenrechte, etwa gegen queere oder trans Personen. Auch transfeindliche Haltungen gehören oft zu einem antifeministischen Weltbild. Geschlechtervielfalt wird darin meist vollständig ignoriert und abgelehnt. Und: Rund um Queerness und Geschlecht kursieren zahlreiche antisemitisch aufgeladene Verschwörungserzählungen. Das ist allerdings ein Thema für eine andere Episode – auch wenn es eng mit dem Antifeminismus verknüpft ist. Heute widmen wir uns jenen Verschwörungserzählungen, die Frauen ins Visier nehmen, die nicht einer traditionellen Rollenverteilung folgen. Also Kind, Küche, Haus. Aber: Was hat das alles mit Verschwörungsglauben zu tun? Das erklärt uns Psychologin Pia Lamberty:

 

Pia Lamberty 

Der Verschwörungsglaube ist ja in sich schon auch eine Form von antimodernem Weltbild. Es wird versucht, die Komplexität der Gegenwart anzugreifen, infrage zu stellen, moderne Entwicklungen infrage zu stellen und es geht jetzt nicht darum, dass das generell problematisch ist, aber ein Weltbild, in dem das moderne Leben eher, ja, als negativ bewertet wird.  

 

Und zur modernen Welt gehört eben auch die Gleichberechtigung von Frauen. Wenn wir in die Geschichte des Antifeminismus schauen, dann zeigen sich Parallelen zum Antisemitismus. Auch dort spielt die Ablehnung von Gleichberechtigung eine wichtige Rolle – in diesem Fall die der jüdischen Minderheit. Welche weiteren Parallelen gibt es zwischen Antisemitismus und Antifeminismus?

 

Johanna Niendorf  

Antifeminismus und Antisemitismus funktionieren in der Form analog, dass sie auf einer strukturellen Ebene teilweise sehr gut zusammenpassen. Da geht es ja um eine Weltanschauung, da geht es darum, eine spezifische Art und Weise, die Welt um mich herum wahrzunehmen, mich darin zu bewegen, mir Sachen zu erklären. Und in der Hinsicht könnte man sagen, dass Antifeminismus eine weltanschauliche Haltung ist in Bezug auf Geschlechterverhältnisse und Sexualität. Einen gesellschaftlichen Wandel im Hinblick auf Geschlecht und Sexualität abzulehnen, beziehungsweise als negativ empfundene Aspekte, die mit diesem Gesellschaftswandel in Verbindung stehen, abzulehnen und sich dafür Schuldige zu suchen, das heißt Feindbilder zu konstruieren. 

 

Im antifeministischen wie im antisemitischen Denken tauchen ähnliche stereotype Muster auf: Frauen wie auch Jüdinnen und Juden wird eine widersprüchliche Mischung aus Schwäche und Macht zugeschrieben – Eine Gleichzeitigkeit von Auf- und Abwertung. Schauen wir uns das mal genauer an: Abwertende Stereotype über Frauen gibt es viele: sie seien schwach, emotional, instabil, nicht fähig zum logischen Denken – um nur mal einige zu nennen. Gleichzeitig aber gelten Frauen als Gefahr: verführerisch, moralisch fragwürdig oder – durch Geburtenkontrolle oder die Verweigerung einer Mutterrolle – als Bedrohung des vermeintlichen „Fortbestands des Volkes“.  Ähnlich funktioniert auch der Antisemitismus: Jüdinnen und Juden werden einerseits als körperlich schwach oder charakterlich minderwertig beschrieben, andererseits als übermächtig – mit angeblichem Einfluss auf Politik, Wirtschaft oder Medien. Trotz dieser strukturellen Ähnlichkeiten gibt es Unterschiede. Johanna Niendorf – welche sind das?

 

 

Johanna Niendorf  

Einer wäre, dass wir im Antifeminismus es zu tun haben mit einer Spaltung des Frauenbildes. Wir haben einerseits die Vorstellung von der ‘guten’ Frau, das ist die traditionelle Hausfrau, die sich um die Kinder kümmert, die zu Hause bleibt, die für den Mann kocht, die den Haushalt irgendwie chic macht und so weiter, was wir vielleicht aktuell auch sehr oft in so Trad-Wife-Social-Media-Phänomenen beobachten können. Das ist so diese Vorstellung von der ‘guten Frau’ und dem gegenüber gibt es das Bild der ‘bösen Frau’. Das ist die Feministin, die egoistisch ist, die sich nicht um die Familie kümmert, die vielleicht auch kinderlos ist, damit dann im rechten Denken auch das Volk verrät, weil sie sich halt nicht um die Reproduktion der Volksgemeinschaft schert; die in irgendeiner Form auch gefährlich ist, weil sie selbstbestimmt ihre Sexualität auslebt. Das heißt, wir haben immer diese Aufspaltung des Frauenbildes.   

Im Antisemitismus gibt es diese Vorstellung des ‘guten Juden’ nicht. Da gibt es nur eine Vorstellung, dass Juden und Jüdinnen das absolut Böse repräsentieren würden. Und daraus erwächst dann im Verschwörungsdenken auch oft diese Idee, dass hinter dem Feminismus eigentlich noch was Mächtigeres, was Böseres stehen würde, ergo Juden und Jüdinnen, als das ‘absolute Böse’, die hier quasi Frauen dazu verführen oder veranlassen, dass sie die gute Hausfrauenrolle verlassen und zu Feministinnen werden, die ja am Ende die Volksgemeinschaft zersetzen oder ähnliche Vorstellungen.   

 

Also: „Die Juden“ veranlassen Frauen dazu, sich zu emanzipieren? Klingt nach Verschwörungserzählung… – und ist es auch. Unterstellt wird, ein jüdisch-feministischer Komplott solle die traditionelle Gesellschaftsordnung untergraben. Emanzipation ist in diesem Weltbild kein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern Teil eines Plans zur Zerstörung bestehender Strukturen. Solche Verschwörungserzählungen haben eine lange Geschichte. Wie ist dieser Mythos entstanden und warum hält er sich bis heute?

 

 

Johanna Niendorf  

Das ist eine Idee, die um 1900 relativ stark wird und sich seitdem durch die Geschichte zieht, im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt erreicht hat und die wir nach wie vor immer noch finden, wenn man so rechte Chatgruppen analysiert oder so, sich deren Nachrichten anguckt, dann finden wir immer noch so Vorstellungen von. Das wird dann chiffriert. Da steht nicht mal unbedingt "Hinter dem Feminismus stecken die Juden", sondern da steht dann sowas wie "Hinter dem Feminismus stecken eigentlich die Globalisten", als so eine Chiffre für Juden und Jüdinnen. Oder ‘der Kulturmarxismus’ oder ‘die Zionisten’. 

 

Johanna Niendorf hat uns auf eine historische Spurensuche mitgenommen: Um das Jahr 1900 tauchten erstmals Verschwörungserzählungen auf, die eine Verbindung zwischen jüdischer Einflussnahme und der Frauenbewegung konstruierten. Das verbreitete sich rasch – über viele gesellschaftliche Schichten hinweg. In den 1920er Jahren finden wir solche antisemitischen Verschwörungsmythen sogar im organisierten Sport, etwa im damaligen Turnwesen, das als besonders national und konservativ galt.    

 

 

Die 1920er Jahre in Deutschland sind geprägt vom wirtschaftlichen Aufschwung – und auch von der Emanzipation der Frauen. Frauen besitzen seit kurzem das Wahlrecht, sie sind nun in größeren Zahlen berufstätig, und ziehen immer mehr in die Großstädte. Das beginnt sich auch in der Mode auszuprägen, Kleidung, Make-Up und Frisuren spiegeln die neuen liberaleren Zeiten wider. Ein solcher Modetrend ist der Bubikopf – eine Kurzhaarfrisur. Er ist pflegeleicht und kommt ohne eine einzige Haarnadel aus. Mit den angesagten Glockenhüte, dem kurzen Rock, den seidenbestrumpften Beinen und dem spitz zulaufenden Schuhwerk ist er damit Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Viele sich der Tradition verpflichtete Deutsche, darunter viele Männer, lehnen den Bubikopf ab. Langes Haar gilt als Krone der Weiblichkeit, Kurzhaarfrisuren sind dagegen sogar als Form weiblicher Verstümmelung verschrien. Die Kirchen prangern den „Bubikopf“ als gottlos an und Frauen mit kurz geschnittenen Haaren werden von diversen Gottesdiensten ausgeschlossen. Und im deutschen Turn-Sport werden Frauen mit Kurzhaarschnitten oftmals ausgeschlossen. Es kursieren außerdem Slogans wie: „Arisch ist der Zopf – Jüdisch ist der Bubikopf“. In der Turnerpresse werden ‘die Juden’ bezichtigt, den Kurzhaarschnitt als eine Waffe zur planmäßigen Vernichtung des deutschen Volkes und zur Beherrschung der Welt einsetzen zu wollen. Auch im Nationalsozialismus gelten Kurzhaarfrisuren als „undeutsch” und “unpatriotisch“. Sie würden die gesunden deutschen Sitten und die deutsche Hausfrau ruinieren. Und wer stehe dahinter? Selbstverständlich wieder Jüdinnen und Juden. 

 

Hinter einer Kurzhaarfrisur einen jüdischen Plan zur „Vernichtung des deutschen Volkes“ zu vermuten, wirkt heute grotesk. Aber die Mechanismen dahinter sind weiterhin wirksam:  Auch heute werden Frauen, die nicht einem traditionellen Bild von Weiblichkeit entsprechen, besonders stark abgewertet – sei es durch sexistische Kommentare, transfeindliche Angriffe oder Bodyshaming in sozialen Netzwerken. Und auch im Antisemitismus spielen traditionelle Bilder von Weiblichkeit oder Männlichkeit eine Rolle. Gideon Botsch erklärt uns, welche geschlechtsbezogenen Vorurteile es über Jüdinnen und Juden gibt:   

  

Gideon Botsch 

Ein wesentliches Motiv, wenn wir über antijüdische Vorurteile in Bezug auf Geschlecht sprechen, ist die Efeminierung, die Verweiblichung des jüdischen Körpers. Der männliche jüdische Körper wird als defekt beschrieben, weil er zu weiblich sei. Das ist eine ganze Reihe von einzelnen körperlichen Attributen, kann man das festmachen, die sozusagen den jüdischen Körper abwerten sollen. Vor allem aber in der Grundposition: der Jude ist sozusagen nicht in der Lage, der ist vergeistigt, der ist nicht hart, er ist nicht kämpferisch, er ist keiner Belastung aussetzbar und auch zu produktiver Arbeit nicht fähig.  

 

Hier begegnet uns ein Motiv, das wir aus früheren Episoden kennen:  Jüdinnen und Juden werden im antisemitischen Weltbild als Bedrohung einer vermeintlichen „natürlichen Ordnung“ dargestellt. Ihnen wird nicht nur zugeschrieben, traditionelle Rollenbilder zu untergraben. Im antisemitischen Denken stehen Jüdinnen und Juden für Zersetzung – und damit auch für die angebliche Zerstörung eines traditionellen Bildes von Geschlecht.

 

 

Gideon Botsch 

Der jüdische Körper wird dann, sowohl der männliche als auch der weibliche, oft als eklig, schleimig, widerlich unangenehm, abstoßend beschrieben. Vorurteile, Stereotype, Feindseligkeiten gegen Jüdinnen funktionieren eher umgekehrt. Der weibliche jüdische Körper wird in zwei Richtungen vorurteilsbehaftet ausgedeutet. Es gibt das Motiv der „schönen Jüdin“, eine Exotisierung und Projektion auf die Jüdin. Wesentlich relevanter ist aber eigentlich die Darstellung des Hässlichen, der hässlichen Jüdin, der jüdischen Matrone, der unangenehmen Jüdin, vielleicht auch des Flintenweibes, der Aufrührerin, der der Aufwieglerin, der Aufstachlerin.   

 

Johanna Niendorf  

Auch das Schimpfwort “Emanze" steht damit in Verbindung, quasi von "emanzipiert". Also gerade auch als die Frauenbewegung in Deutschland sehr, sehr stark wurde, um 1900, war das ein Schimpfwort und eine Vorstellung, dass emanzipierte Frauen jüdische Frauen wären. Das wurde in eins gesetzt.  

 

Natürlich haben sich feministische Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert weiterentwickelt. Und es gibt sie auch heute – genauso wie Antifeminismus und antisemitische Verschwörungserzählungen weiterhin existieren. Gleichberechtigung steht heute für eine moderne, offene Gesellschaft – und wird genau deshalb von bestimmten Milieus abgelehnt. Wie äußert sich das, Pia Lamberty?

 

Pia Lamberty 

Dass dann eher regressive Bilder befürwortet werden, also Mann, Frau, Kind, ist dann in so einem Weltbild die Familie und man merkt, dass es ganz häufig Verquickungen gibt auch mit anderen Formen der Menschenverachtung. Gerade auch wenn man sich queere Themen anschaut, die sind ja auch in den letzten Jahren nochmal deutlich stärker in den Fokus von Rechtsextremen aber auch natürlich Islamisten geraten, die, das das würde ich sagen, schon so eines der Kernthemen gerade im Faschismus oder autoritären Weltbildern. Und auch hier ist das ja so, dass der Verschwörungsglaube dazu führt, dass man nicht eine tiefgründige Ideologie erarbeiten muss, sondern er setzt sich ja auf alles drauf. Und das bedeutet, man kann seine Feindbilder befeuern, ohne da wirklich ein Fundament zu haben, sondern immer über diese Andeutung: „guck mal, die zersetzen doch die Gesellschaft. Was die da sich wieder überlegt haben!“ Und so wird eben das antimoderne Weltbild weiter propagiert. 

 

Es verbinden sich also rassistische, antifeministische sowie antisemitische Narrative. Eine besonders verbreitete Verschwörungserzählung, die all das vereint, ist der sogenannte „Große Austausch”. Vor allem in der extremen Rechten – in Europa und den USA – behauptet man, jüdische Verschwörer planten einen langsamen Bevölkerungsaustausch. Die christliche, weiße Gesellschaft solle durch Migration „ersetzt“ werden. Und zwar durch diejenigen Menschen, die im rechtsextremen Denken zum Feindbild gehören: Also nicht-weiße, und muslimische Migranten. Gleichzeitig wird der Feminismus als Teil dieser globalen Verschwörung betrachtet: Die Geburtenraten würden sinken, weil weiße Frauen wegen des Feminismus keine Kinder mehr bekämen. Jüdinnen und Juden wird hier gleich zweierlei vorgeworfen: Sie stünden sowohl hinter Migrationsbewegungen als auch hinter dem Feminismus. Diese Verbindung verschiedener Ressentiments lässt sich auch in der Forschung nachweisen:

 

Johanna Niendorf  

Menschen, die antifeministische Einstellungen teilen, sind auch affiner für antisemitische Einstellungen, auch für rassistische Einstellungen, für rechtsautoritäres Denken, für Sexismus und so weiter. Das hängt damit zusammen, dass man sagen kann, dass es so ein gewisses Potenzial gibt, autoritären Einstellungen zu folgen und andere Menschen abzuwerten und seine eigenen Aggressionen an diesen Menschen auszulassen und das legitim zu finden, dass Menschen ungleich behandelt werden, dass es Menschenleben gibt, das mehr wert ist, dass weniger wert ist und so weiter und so fort. Das heißt, die Klammer ist ganz oft ein autoritäres Denken, was die verschiedenen Formen miteinander vereint.  

 

Ein Blick auf weltweite Anschläge zeigt, wie gefährlich und mörderisch diese Mischung aus autoritärem Denken, Verschwörungserzählungen und Antifeminismus sein kann. Anschläge wie die in Utøya, Christchurch, El Paso und auch Halle. Alle Attentäter glaubten an die Verschwörungserzählung vom “Großen Austausch”. Viele waren zudem in frauenfeindlichen Online-Communities aktiv, wo diese Erzählungen weit verbreitet sind. Einige radikalisierten sich dort und identifizierten sich als sogenannte „Incels“ – eine Gruppe, die ebenfalls von solchen Ideologien geprägt ist.

 

Die sogenannten Incels sind eine lose, vorwiegend online organisierte Subkultur, in der sich vor allem junge Männer versammeln, die sich als von sexuellen und romantischen Beziehungen ausgeschlossen erleben. "Incel" steht für "involuntary celibate", englisch für „unfreiwillig sexuell enthaltsam“. Sie glauben, ein Anrecht auf Sex mit attraktiven Frauen zu haben – doch genau diese würden sich ihnen verweigern. Im Weltbild der Incels werden Frauen entmenschlicht und der Feminismus für die männliche Einsamkeit und Frustration verantwortlich gemacht. Oft verbindet sich ihr Frauenhass auch noch mit anderen Ideologien. So findet man Verbindungen der Incel-Kultur hin zu diversen rechtsextremen Gruppierungen und sowohl Verschwörungsglaube als auch Rassismus, Antisemitismus und andere Formen der Menschenverachtung sind unter den Anhängern weit verbreitet. Und das, obwohl die Vertreter dieser Subkultur sehr wohl divers aufgestellt sind. Manche Incels vergleichen ihr ungewollt zölibatäres Leben heute mit den Erfahrungen von Schwarzen während der Sklaverei oder Juden und Jüdinnen während des Holocausts. Eine Bagatellisierung, die die rassistische und antisemitische Sicht der Incels weiter unterstreicht. 

 

Johanna Niendorf  

Frauen sind hier ganz klar das Feindbild. Da sehen wir auch, dass das für den Antifeminismus eigentlich typische, diese Aufspaltung in gute und böse Frauen bei den Incels mehr und mehr verschwindet. Dass es eigentlich nur noch die Vorstellung gibt, dass Frauen böse sind. Dass Frauen irgendwie durchtrieben sind, dass Frauen profitieren von ihrer Attraktivität, von ihrer Möglichkeit, sich Sexualpartner auszusuchen und deswegen die Schuldigen sind. Oft wird es aber noch verbunden damit, dass nicht nur die Frauen das Feindbild sind, sondern auch die moderne kapitalistische Gesellschaft. 

 

In der Incel-Community kursiert schon länger eine antisemitische Verschwörungserzählung, nach der Jüdinnen und Juden für die Pornoindustrie verantwortlich seien. Ja – das klingt absurd. Und nein, das ist nicht erfunden. Aber was hätten Jüdinnen und Juden – in der Logik von Verschwörungsgläubigen –davon, Pornografie zu verbreiten? Geht es, wie so oft in dieser Episode, um die Angst vor einem angeblichen Sittenverfall? Oder um die Vorstellung, das traditionelle Familienbild solle gezielt zerstört werden? Die verschwörungsideologische Antwort der Incels ist eine andere: Sie behaupten, Pornografie halte Männer, die sich sexuell und sozial isoliert fühlen, davon ab, sich politisch oder gesellschaftlich zu engagieren. Statt sich – so ihre absurde Logik – gegen eine „jüdische Weltherrschaft“ zu wehren, würden diese Männer lieber Pornos schauen. Diese Erzählung bedient mehrere klassische antisemitische Motive, die wir bei verdächtig mächtig häufiger analysiert haben. Eines davon: das alte Vorurteil der „Profitgier“ – also die Vorstellung, Jüdinnen und Juden würden sich an der sexuellen Frustration anderer bereichern. Und weil wir beim Thema Geld sind, schauen wir uns Nächstes an, wie die Incel-Community über Ökonomie und Besitz denkt.

 

Johanna Niendorf  

Die Incels haben das sehr stark, auch so eine Logik von Marktförmigkeit der eigenen Beziehung oder so einen eigenen Marktwert, also so kapitalistische Prinzipien, sehr stark in das eigene Selbstbild mit aufgenommen, weil die sich selber sehr stark danach bewerten und lehnen aber gleichzeitig Kapitalismus, kapitalistische Vergesellschaftung auch insofern ab, dass sie die moderne kapitalistische Vergesellschaftung dafür verantwortlich machen, dass Frauen sich aus ihren traditionellen untergebenen Rollen gelöst haben und jetzt selber entscheiden können, mit welchen Sexualpartnern, also mit wem sie Sex haben wollen am Ende. Und sehr oft findet sich auch in den Manifesten von Incel-Attentätern wiederum, die Anschläge verüben, so eine Vorstellung, dass hinter dieser Entwicklung, also wieder so ein altes Narrativ oder schon bekanntes Narrativ, einerseits der Feminismus dafür verantwortlich wäre und andererseits auch Juden und Jüdinnen, dafür, dass sie ganz unten in so einer Hierarchie stehen. 

 

Wir sehen also: Alten Mythen bestehen bis heute fort. Historisch kam der Widerstand gegen die Frauenbewegung häufig aus antisemitischen Gruppen und von Persönlichkeiten, die besonders aus dem völkischem und nationalistischem Spektrum des frühen 20. Jahrhunderts kamen. Sie stellten einen Gegensatz zwischen der „reinen deutschen Frau“ und emanzipierten Frauen her – und sie unterstellten der Frauenbewegung, Teil eines größeren jüdischen Plans zu sein. Sowohl die jüdische Minderheit als auch emanzipatorische Frauen wurden als minderwertige und gefährliche Störenfriede dargestellt. Doch auch innerhalb emanzipatorischer Bewegungen lassen sich Ressentiments nicht vollständig ausschließen. Dazu unser Historiker, Gideon Botsch:

 

Gideon Botsch 

Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen, dass auch der Feminismus nicht freigeblieben ist von Antisemitismus. Es gibt starke Momente im Feminismus, gerade auch in der zweiten Frauenbewegung, in der neuen Frauenbewegung, die in den 60er/70er Jahren aufkommt, das Patriarchat zu judaisieren. Sozusagen im Rückgriff auf die Männer in der in der hebräischen Bibel, zu behaupten, das Patriarchat ist im Grunde genommen eine jüdische Erfindung und das auch zu übertragen auf modernere Erscheinung im Judentum. Das Judentum entfaltet sich in einer patriarchalen Welt, daran kann kein Zweifel bestehen, und das heißt, das Judentum nimmt an der Entwicklung des Patriarchats Anteil. Jüdinnen oder queere Juden nehmen Anteil am Widerstand gegen dieses Patriarchat, aber man kann beides nicht trennen. Das gehört zur Moderne dazu und wir haben wieder dasselbe Motiv all dieser Verschwörungsmythen und all dieser antijüdischen Vorurteile: Ich erkläre das, was ich ablehne und bekämpfe, zum Jüdischen, zum Juden, zum jüdischen, ich apostrophiere es als jüdisch, ich judaisiere es als ein Bleibendes, immer wiederkehrendes Motiv. Und wie wir in anderen Momenten dieser Folge auch schon gesehen haben: Es geht von beiden Richtungen. Ich kann sozusagen Feministin sein und das Patriarchat als jüdisch bekämpfen und ich kann Antifeministin und Antifeminist sein und den Feminismus judaisieren und als jüdisch bekämpfen. Beides funktioniert.    

 

Was machen wir nun mit all diesen Erkenntnissen? Wie können wir Antifeminismus, Antisemitismus und Verschwörungsdenken etwas entgegensetzen?

 

Johanna Niendorf  

Ich würde sagen, ein zentraler Nährboden gerade für Antifeminismus in seiner Verschränkung zum Antisemitismus ist, dass wir gerade in sehr widersprüchlichen Zeiten leben, auch im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse. Wir haben so sehr widersprüchliche Entwicklungen. Einerseits eine Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse, gleichzeitig bestehen immer noch Machtverhältnisse, und Hierarchien. Wir sehen das am deutlichsten daran, wie verbreitet Gewalt gegen Frauen ist, dass fast jeden zweiten Tag eine Frau ermordet wird durch einen Mann. Das heißt, da klaffen so Anspruch und Realität sehr stark auseinander. Frauen wird vermittelt, dass sie eigentlich gleichberechtigt wären, leben aber oder müssen jeden Tag erfahren, dass sie alltäglich diskriminiert werden. Und ich glaube, diese Widersprüche sind in Bezug auf die Entwicklung von Geschlechterverhältnissen relativ schwierig zu verstehen und zu durchdringen. Und ich glaube, wir brauchen eine stärkere gesellschaftliche Aufklärung über widersprüchliche gesellschaftliche Verhältnisse. Wir müssen da, glaube ich, auch Widersprüche aushalten können und dürfen das nicht immer wieder vereindeutigen und immer wieder jemanden entschuldigen, da versuchen, dass da Sachen irgendwie nicht so ganz aufgehen. Das heißt, es braucht, glaube ich, insgesamt eine stärkere Fähigkeit, tatsächlich auch im Sinne von Ambiguitätstoleranz, widersprüchliche Entwicklungen begreifen und aushalten zu können, ohne dass das immer eindeutig aufgelöst wird. Und im gleichen Sinne müssen wir feministische Bewegungen weiter stärken und die Situation von Frauen, sexuellen Minderheiten weiter stärken. Das ist unglaublich wichtig. 

 

Wir sind am Ende unserer Episode und können also festhalten: 

Erstens: Antifeminismus und Antisemitismus sind Ausdruck der Ablehnung von Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Fortschritt. Beide Weltbilder ergänzen sich – damals wie heute – und treten oft gemeinsam auf. 

Zweitens: Überall dort, wo es um Gleichberechtigung, Teilhabe und Mitbestimmung von Minderheiten geht – also um eine freie, moderne Gesellschaft –, entstehen Verschwörungserzählungen. Emanzipation wird als geheimer, finsterer Plan dargestellt, der etwas zerstören soll: das Volk, die Nation oder sogar Geschlecht im Allgemeinen. Von hier aus ist es oft nicht weit zum Antisemitismus. 

Drittens:  Beide Ideologien – Antisemitismus und Antifeminismus - konstruieren Feindbilder, die bekämpft werden sollen. In dieser Verbindung steckt ein erhebliches Gewaltpotenzial.  

Und schließlich: Ein Weg, dem entgegenzuwirken, liegt darin, gesellschaftliche Widersprüche auszuhalten und sich konsequent für die Rechte aller Menschen einzusetzen – unabhängig von Geschlecht, Identität oder Herkunft. 

Und damit sind wir am Ende der Episode angekommen. Tschüss – und bis zum nächsten Mal bei verdächtig mächtig!

 

„Ein zentraler Nährboden gerade für Antifeminismus in seiner Verschränkung zum Antisemitismus ist, dass wir gerade in sehr widersprüchlichen Zeiten leben, auch im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse. Einerseits eine Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse, gleichzeitig bestehen immer noch Machtverhältnisse, und Hierarchien.“
Johanna Niendorf

Themenfolgen

Wer verrät uns?

Mythen über "die Juden" und Krieg

Wer bringt uns das Böse?

Mythen über "die Juden" und den Teufel

Wer lügt uns an?

Mythen über "die Juden" und die Medien

Special

Ein Gespräch über die Gefahren des Engagements

Wer zerstört die Umwelt?

Mythen über "die Juden" und Natur

Special

Ein Gespräch über Monitoring und Beratung

Wer lenkt das Geld?

Mythen über "die Juden" und die Finanzsphäre

Wer regiert uns?

Mythen über "die Juden" und die Politik

Wer macht uns krank?

Mythen über "die Juden" und Medizin